Aus der Perspektive eines Betreuers - Von einer Pflegekraft zur anderen

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Die Auswirkungen einer Migräne können von Patient zu Patient enorm stark variieren. Die Betroffenen werden manchmal von so starken und unerträglichen Schmerzen gequält, dass alltägliche Aufgaben oder das bloße Aufstehen aus dem Bett schier unmöglich scheinen. An anderen Tagen ist der Schmerz erträglicher, stellt jedoch noch immer eine Behinderung des Alltages dar. 

Gerade bei einer unsichtbaren Krankheit wie Migräne, bei der es unmöglich ist, die Symptome physisch zu sehen, ist es oft kaum möglich, wirklich nachzuvollziehen in welchem Schmerz oder Zustand sich der Betroffene tatsächlich befindet.

Wie viele von euch bereits wissen, ist der Monat Juni der Migräne gewidmet. Wir haben bereits einige persönliche Schicksale und Geschichten von Menschen gehört, die unter Migräne leiden. Heute wollen wir aber mal eine ganz neue Seite der Migräne beleuchten: Die des Betreuers.

In der letzten Woche haben wir Antworten und Meinungen von denjenigen gesammelt, die Migränepatienten im Freundes- oder Verwandtenkreis haben. Der Betreuer eines Migränepatienten zu sein und richtig zu handeln, wenn ein geliebter Mensch leidet, ist keine leichte Aufgabe. Deshalb haben wir die hilfreichsten Tricks und Tipps zusammengetragen, wie man einen Menschen mit Migräne während einer Attacke am besten unterstützen kann. 

Die Auswirkungen einer Migräne aus der Perspektive eines Betreuers

Aus den Antworten, die wir bekamen, stellte sich heraus, dass ganze 60% der Betreuer selbst an Migräne leiden. Die restlichen 40% gaben an, dass sie das Ausmaß der Krankheit erst völlig begriffen, als sie einen geliebten Menschen darunter leiden sahen. 

Wir fragten nach auffälligen Veränderungen, die die Betreuer bei ihren Lieben feststellen konnten, während diese eine Migräne Attacke erlitten. Es wurden schwankende Gemütszustände, extrem starke Müdigkeit, schnelle Reizbarkeit sowie die Unfähigkeit, wie gewohnt zu funktionieren (bzw. weniger aktiv) angegeben. 

Einige andere Antworten, die wir bekamen, haben wir hier zusammengefasst:

“Sie werden ganz ruhig und haben ein ganz zerknittertes Gesicht.”

“Mein Sohn wird ganz bleich und lethargisch. Er weint und schreit oft vor Schmerz. Außerdem übergibt er sich regelmäßig und reagiert überempfindlich auf Licht, Geräusche und Gerüche.”

“Normalerweise ist der Verlauf: Er wirkt etwas abwesend und wird unkommunikativ, dann gestresst und/oder unglücklich, dann lethargisch, danach kommen normalerweise die Medikamente gegen Kopfschmerzen/Übelkeit dran und er verlangt nach Dunkelheit und Stille und muss sich hinlegen.”

“Schnelle Reizbarkeit und schlechte Laune, oftmals Übelkeit und Erbrechen, starke Schmerzen, Weinen.”

“Sie haben Schmerzen, sind depressiv, sehr lichtempfindlich und haben wenig Energie.”

“Nicht mehr im Stande, wie gewohnt zu funktionieren, müssen meist sofort ins Bett und sich von den Schmerzen erholen.”

Wie man am besten jemandem hilft, der eine akute Migräne Attacke erleidet.

Es ist sinnvoll, sich schon im Vorfeld genauestens darüber zu informieren, was Du tun kannst, wenn ein geliebter Mensch eine Migräne Attacke erleidet. Migräne Patienten sind während einer Attacke extrem schwach. Schon der Akt, aufzustehen und sich ein Glas Wasser zu holen, ist für viele dann eine Herausforderung.

Es hilft also bereits, wenn Du einfach nur da bist und dem Betroffenen alles holst, was er oder sie braucht. Dies kann Medizin sein oder auch ein Kühlpack, Wasser oder einen Snack. Es kann jedoch auch eine einfache Aufgabe sein, wie die Vorhänge zuzuziehen oder dafür zu sorgen, dass die Umgebung möglichst ruhig ist. 

Besonders wenn Dein persönlicher Patient empfindlich auf Geräusche oder Licht reagiert, kann schon das leiseste Geräusch oder das kleinste bisschen Licht die Migräne und den Schmerz verschlimmern und sich so anfühlen, als würde ein Presslufthammer im Kopf starten oder ein Scheinwerfer dem Betroffenen direkt in die Augen scheinen. 

Manchmal ist alles, was ein Migränepatient braucht, seine Ruhe. Es reicht also oft schon vollkommen aus, wenn Du ihn oder sie wissen lässt, dass Du da bist, falls etwas gebraucht wird (emotional oder physisch). Auch der emotionale Support allein hilft oft schon dabei, dass der Patient sich entspannen kann.


Hier sind einige Tipps von anderen Betreuern:

“Da ich selbst an Migräne leide, weiß ich, wie sich so etwas anfühlt. Ich versuche daher, es dem Patienten so angenehm wie möglich zu machen. Er soll sich geborgen und aufgefangen fühlen. Ich kümmere mich darum, dass die Medikamente sowie Kühlpacks oder ein nasser Waschlappen griffbereit liegen. Danach kümmere ich mich darum, den Raum so gut wie möglich abzudunkeln und alle Geräusche um den Patienten herum zu minimieren.”

“Beruhige den Patienten und sorge dafür, dass er Wasser, Medikamente und auch sonst alles hat, was er braucht.”

“Ich frage, ob ich etwas tun kann und ziehe mich zurück, falls dies nicht der Fall ist. Wenn ich nichts tun kann, ist es besser sie allein zu lassen und möglichst ruhig zu sein, damit ich ihnen keine zusätzlichen Schmerzen zuführe.”

“Durch Akkupressionspunkte kann manchmal der Schmerz gelindert werden. Außerdem bleibe ich bei dem Patienten und spreche mit ihm, damit er sich gut aufgehoben fühlt. Ich weise außerdem gern darauf hin, einen Neurologen aufzusuchen und die eigenen Auslöser kennen zu lernen, um eine Migräne langfristig in den Griff zu bekommen. Auf keinen Fall helles Licht oder laute Geräusche!”

“Frage ganz direkt nach, was gebraucht oder gewünscht wird. Gib ihnen das Gefühl, dass Du da bist und dass sie sich entspannen können. Außerdem kannst Du Essen vorbereiten, ihnen Liebe schenken und ein kaltes Handtuch bereit halten oder ihnen den Nacken massieren.”

“Eine kalte Kompresse auf den Kopf, den Rücken streicheln, Meditationsvideos, manchmal hilft auch ein Film oder eine Serie leise im Hintergrund.”

“Alles von Medikamenten über Hilfe beim An- und Ausziehen bis hin zum Baden und ins Bett bringen.”

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Von einem Betreuer zum anderen

Wenn Du Dich noch nie um jemanden mit Migräne gekümmert hast oder Du mehr darüber lernen möchtest, was ein Migränepatient während einer Attacke wirklich braucht, kommen hier einige Tipps von Menschen, die darin bereits Erfahrung haben. 

“Gibt es irgendetwas, von dem Du denkst, andere Betreuer von Migränepatienten sollten es unbedingt wissen?”

“Habe Geduld und gib ihnen den Raum und die Zeit, die sie brauchen, um die Migräne Attacke zu überstehen. Ich setze sie nicht unter Druck, um beispielsweise einen Familienausflug unbedingt durchzustehen. Es werden andere Gelegenheiten kommen.”

“Ja. Der Schmerz ist real.  Migränepatienten denken sich das nicht aus oder übertreiben. Manchmal kommt er ganz überraschend und manchmal mit Vorwarnung. Nimm sie ernst, wenn sie von den Schmerzen und Erfahrungen erzählen. Spiele Migräne nicht runter, indem Du Dinge sagst wie ‘So schlimm kann das doch gar nicht sein!’. Aber vor allem: Sei geduldig mit ihnen. Selbst, wenn Du nicht nachvollziehen kannst, wie sich ein Migränepatient während einer Attacke fühlt, bleibe verständnisvoll und aufmerksam. Niemand sucht es sich aus, Migräne zu haben. Und es wird noch 10 Mal schlimmer, wenn man sich dann mit jemandem auseinandersetzen muss, der genervt oder gestresst ist. Wenn man zwanghaft weitermacht, wenn die Migräne schon da ist, dann wird sie nur umso schlimmer.”

“Migräne ist eine ernstzunehmende Krankheit und sollte auch so wahrgenommen werden. Versuche, Dich in den Patienten hinein zu versetzen und so gut es geht für ihn da zu sein, wenn die Attacke einsetzt.”

“Manchmal möchten Migränepatienten gar keine Aufmerksamkeit, sondern einfach nur alleine sein.”

“Die Symptome einer Migräne können von Fall zu Fall stark variieren und bei kleineren Kindern kann es oft erst nach einer anderen Krankheit aussehen.”

“Es ist eine ernstzunehmende Krankheit und Betroffene können während einer Attacke nicht arbeiten. Man weiß nie, wann und wie stark eine Attacke einsetzt und wenn sie kommt ist die Empathie der Außenstehenden gefragt.”

“Es ist mehr als nur ein Kopfschmerz.”

“Als ein Betreuer eines Migränepatienten bist Du nicht allein und Dein Patient ist dankbar, auch wenn dies während einer Attacke nicht immer sichtbar ist.”

Unser bester Tipp ist, geduldig zu sein und zu verstehen, dass Dein geliebter Mensch sich die Migräne auch nicht ausgesucht hat. Verständnis und Empathie sind hier am allerwichtigsten. Wenn Du einen Schritt weiter gehen möchtest, könntest Du Dir in Deiner Freizeit einige Fachbücher über Migräne besorgen und lesen, um auf dem neuesten Stand zu sein und die Krankheit besser zu verstehen. Am wichtigsten ist aber, dass Du für den Betroffenen da bist. Sie brauchen während einer Attacke vor allem Liebe, Geborgenheit und Sorgenfreiheit. Jede Ermutigung und Unterstützung ist Gold wert!

Worte der Ermutigung

Wie wir wissen, ist jede Migräne anders und jeder Migränepatient muss mit seiner ganz eigenen Version fertig werden. Dennoch sind die Betroffenen nicht allein in ihrem Kampf. Abschließend möchten wir gern einige ermutigende Worte von Betreuern mit Dir teilen, die Migränepatienten in ihrem Kampf helfen können: 

“Du bist nicht allein. Deine Familie möchte helfen, weiß aber vielleicht nicht, wie. Lerne, um Hilfe zu bitten, wenn Du sie brauchst. Das wird Deinen Freunden und Familie das Gefühl geben, gebraucht zu werden, selbst wenn es sich nur um ein Kühlpack oder ein Glas Wasser handelt.”

“Du bist nicht allein! Glaube mir, Du bist es wirklich nicht. Es gibt da draußen Menschen, die Dich verstehen und das Selbe fühlen, wie Du. Wende Dich an Menschen in Deinem direkten Umfeld, niemand sollte diesen Kampf ohne Unterstützung kämpfen müssen!”

“Du bist nicht allein. Lerne die schmerzfreien Tage zu schätzen und denke immer daran, die Hoffnung nicht aufzugeben!”

“Bleibe stark und gib nicht auf, nach Deinen Auslösern zu suchen und Deine Migräne in den Griff zu bekommen!”

“Immer einen Schritt vor den anderen. Du bist an Deinem ganz eigenen Punkt in Deinem Heilungsprozess. Hilf Deinem Umfeld, zu verstehen, wo Du bist und was Du für den nächsten Schritt brauchst. So können sie Dich in genau diesem Schritt unterstützen. Bis zum nächsten Schritt. Und dann wieder von vorn.”

“Informiere die Menschen um Dich herum über Deine Migräne. Sag ihnen auch ehrlich, wenn Du lieber allein wärst. Ruhe und Dunkelheit helfen einfach am besten.”

“Bleibe offen für neue Wege, Deinen Schmerz zu lindern (zum Beispiel Sport oder mehr Wasser trinken, um Migräne zu verhindern etc.). Du wirst hier und da mal Phasen ohne Migräne Attacke erleben. Versuche herauszufinden, warum die Migräne kommt und warum sie in den migränefreien Phasen ausbleibt und richte dann Dein Leben danach aus.”

“Sage Dir positive Dinge und sei gut zu Dir selbst!”

“Ich weiß, wie frustrierend und einengend Migräne sein kann. Bleib am Ball und gib nicht auf! Bleib gesund und positiv!”

“Das Gute an Migräne: Sie sind immer irgendwann vorbei. Lass sie nicht Dein Leben kontrollieren!”

“Du kannst es durchstehen - WIR können es durchstehen!”


Wir haben im nächsten Absatz eine kurze Liste an essentiellen Dingen zusammengefasst, die ein Betreuer eines Migränepatienten stets parat haben sollte: 

Wir möchten uns bei all denen bedanken, die uns ihre Antworten geschickt haben und wir wünschen euch allen einen migränefreien Tag!

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